Im Folgenden lesen Sie einen Artikel des Journalisten Stefan Herkenrath, der 2016 erstmalig an unserem Workshop teilgenommen hat und uns freundlicherweise gestattet, seinen Beitrag zu veröffentlichen:

 

Es ist nicht zu leugnen: ich bin nervös. Immerhin besteht für mich als Journalist mit dem Schwerpunkt Jazz eine reelle Chance, mich gleich in der Praxis unsterblich zu blamieren. Auf der anderen Seite freue ich mich schon seit Monaten auf die vor mir liegende Woche. Also Augen zu und durch! Das Auto vollgestopft mit nahezu dem gesamten musikalischen Equipment, mache ich mich am Montag dem 25.07.2016 um 09.00 Uhr bei gefühlten 35 Grad Außentemperatur auf den Weg zur Musikschule Charlottenburg-Wilmersdorf, wo an diesem Montag der 22. Internationale Jazzworkshop beginnt.

 

 

Der einzige noch freie Parkplatz in der Platanenallee, befindet sich einige hundert Meter vom imposanten Musikschulgebäude entfernt. So darf ich mich gleich mehrfach auf den Weg machen, meinen Kontrabass, den Verstärker, diverse Kabel und Effektgeräte - natürlich habe ich wieder viel zu viel mitgenommen - ins Foyer zu schleppen. Zu meiner Überraschung liegen dort bereits fünf andere Kontrabässe. Eigentlich treten wir Tieftöner eher selten in Rudeln auf. Die Formalitäten sind bald erledigt und Im Anschluss an die Vollversammlung teilen Horst Nonnenmacher und Dirk Strakhof, die beiden Bass-Dozenten, die Teilnehmer unter sich auf. Ich folge Horst mit zwei weiblichen Kolleginnen in den Raum 107, der ohne weiteres auch als Sauna genutzt werden könnte. Kurze Vorstellungsrunde und dann geht es zur Sache. Das erste Vorspiel und meine Hände sind nicht nur wegen des Wetters schweißnass. Spontan entscheide ich mich für „Turn Around“ von Ornette Coleman. Ein Stück, das ich seit Jahren im Trio spiele und eigentlich aus dem Effeff beherrschen sollte. Schon nach wenigen Takten die ersten falschen Töne. Das fängt ja gut an! Der zweite Durchgang gelingt ein wenig besser. Dass ich mich nicht in der Betrachtung eigener Unzulänglichkeiten verliere, verdanke ich Horst. Mit seiner unaufgeregten und freundlich zugewandten Art nimmt er nicht nur mir die Befangenheit. Von meinen beiden Kolleginnen ist eine Schülerin und spielt seit drei Jahren Kontrabass, ohne sich, wie sie schmunzelnd zugibt, allzu sehr mit Üben aufgehalten zu haben. Die andere hat sich zu ihrem vierzigsten Geburtstag Kontrabassunterricht geschenkt und ist erst seit einigen Monaten dabei. Dafür hat sie als langjährige Pianistin ein ziemlich gutes Timing.

Um 12:30 ist Mittagspause und während wir gemeinsam zum Italiener gehen und uns gegenseitig unsere musikalische Vita erzählen, knobeln die Dozenten die Zusammensetzung der unterschiedlichen Ensembles aus. Keine ganz einfache Aufgabe. Schließlich gilt es um die sechzig Musiker und Musikerinnen mit ganz unterschiedlichen Vorkenntnissen auf neun Combos zu verteilen, und zwar so, dass alle Spaß haben und dazu lernen können. Keine Ahnung wie die Dozenten die Quadratur des Kreises in anderthalb Stunden hinbekommen haben, aber nach der Pause steht der Plan. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass ich einer Band zugeteilt worden bin, von denen ich einige der jungen Musiker bereits aus meiner Tätigkeit als Journalist kenne. Sie sind Mitglieder der UniJAZZity Bigband, die im Januar den WDR Jazzpreis in der Kategorie Nachwuchs gewonnen hat. Das wird spannend!

Jede Formation wird abwechselnd von zwei Dozenten gecoacht. Uns stehen mit dem Schlagzeuger Rainer Winch, der die morgendliche Ensemblearbeit leitet, und dem Pianisten Burkhard, dem diese Aufgabe am Nachmittag zukommt, zwei Tutoren zur Seite, die unterschiedlicher kaum sein könnten und sich gerade darum hervorragend ergänzen. Während Rainer kaum ein Stück durchlaufen lässt, uns sofort unterbricht, wenn ihm Unzulänglichkeiten auffallen, ist Burkhard mit seiner Kritik eher zurückhaltend. Er hält uns an, genau hinzuhören und selbst zu entdecken, wie wir noch besser klingen können. Nach vier Stunden schweißtreibender Ensemblearbeit fahre ich vor die Tore Berlins, wo ich bei meinem Bruder untergekommen bin und springe kurz unter die Dusche.

Dann geht es auch schon weiter zum Dozentenkonzert ins neue „b-flat“. Den Auftakt macht das Niko Schäuble Sextett, prominent besetzt mit Christof Griese an den Saxophonen, Christian Kappe Trompete, Stefan Gocht Bassposaune, Horst Nonnenmacher Kontrabass, Burkhard Jasper Klavier und last but not least der Meister selbst am Schlagzeug.

Kraftvoll zupackender Modern Jazz, mit ausgefuchsten Rhythmen. Staunend fragen wir uns, wie man das hinbekommt, gleichzeitig so präzise und sicher in ungewöhnlichen Formen unterwegs zu sein und dabei gleichzeitig soviel Spielfreude und – witz zu versprühen.

Das Konzert des „Fee Stracke – Birgitta Flick Quartetts“ mit den Namensgeberinnen an Piano und Saxophon, sowie Dirk Strakhof am Kontrabass und Leon Griese am Schlagwerk ist eine feinnervige Auseinandersetzung mit dem musikalischen Material aus der Feder von Pianistin und Saxophonistin. Eher lyrisch aufgestellt setzt das Quartett auf die suggestive Kraft der leisen Töne, lässt Themen und Rhythmen Zeit und Raum sich zu entwickeln. Die Vertonung des „Wunderhockers“ für Kinder, eine jazzmusikalische Short Story, der wir alle gebannt folgen. Auf den Auftritt des Tim Sund Sextetts werde ich angesichts der vorgerückten Stunde und des Umstands, dass ich noch bis nahezu nach Potsdam fahren muss, leider verzichten müssen.

Dienstagmorgen und die Sonne brennt erneut gnadenlos. Leicht übernächtigt habe ich die Wahl zwischen verschiedenen Angeboten: Jazztheorie oder Komposition für Anfänger oder Fortgeschrittene. Ich entscheide mich für „Listening Rhythm“ bei Rainer Winch. Ausgehend von exemplarischen Aufnahmen wird die Arbeit der Rhythmusgruppe analysiert. Eine gute Übung für Bassisten. Am meisten Spaß macht mir, dass ich nach inzwischen beinahe 45 Jahren Hörerfahrung in der Lage bin, die Besetzung der meisten Rhythmusgruppen im Blindfold-Test korrekt zu benennen. In der anschließenden Instrumentalklasse bei Dirk Strakhof - wir wechseln turnusmäßig den Dozenten - werden die kleineren und größeren technischen Probleme der Stücke behandelt, die wir in unserem jeweiligen Ensemble einüben. Sehr hilfreich - auch dass Dirk noch einmal mit einem anderen Blick auf unsere Technik sieht. So viel wie in diesen Tagen habe ich schon sehr lange nicht mehr gelernt. Danach geht es wieder ins Ensemble und in den Saal, der inzwischen seine 39 Grad erreicht hat. Eine erneut schweißtreibende, aber nicht minder effektive Probesession nimmt ihren Lauf. Was sich bereits gestern abzeichnete: wir funktionieren als Kollektiv. Und das, obwohl der Jüngste von uns gerade einmal 15 ist, während ich mit Riesenschritten auf die 60 zugehe und mindestens dreimal soviel wiege wie er. Egal woher wir kommen, egal wie alt wir sind, alle sprechen die gleiche musikalische Sprache. Die Rhythmusgruppe groovt und swingt, die Bläser überzeugen gleichermaßen im Satz als auch als Solisten. Natürlich gibt es immer noch die eine oder andere Baustelle, an der gewerkelt werden muss, den einen oder anderen Ton der noch sauberer oder rhythmisch noch präziser artikuliert werden könnte. Aber im Großen und Ganzen spielen wir schon auf einem ziemlich hohen Niveau. Ich fühle mich geehrt, Mitglied in dieser Band sein zu dürfen und sehe dem Auftritt am kommenden Donnerstag mit freudiger Spannung entgegen.

Der Mittwoch verläuft ähnlich wie der Dienstag, mit dem Unterschied, dass sich meine Sehnenscheiden bemerkbar machen. Kein Wunder, so viel Bass gespielt wie in den letzten Tagen habe ich seit Jahren nicht mehr. Da heißt es vorsichtig sein und die Kräfte ökonomisch einteilen. Nur gut, dass ich meinen Tag mit dem Workshop Jazzgeschichte bei Christian Kappe anstrengungsfrei beenden und ausnahmsweise einmal früh ins Bett gehen kann.

Donnerstag, der große Tag und die bange Frage ob die Sehnenscheiden halten. Drei Stunden Ensemble-Probe - danach entscheide ich mich, heute auf das „Rhythm-Section-Workout“ zu verzichten. Mein linker Arm tut weh, aber nicht so sehr, dass ich mir nicht zutraute, das Konzert heute abend zu spielen. Ein kurzer Abstecher nach Stahnsdorf, duschen, umziehen und schon bin ich wieder auf dem Weg zur Kunstfabrik Schlot, wo wir die Ehre haben im Vorprogramm des „Niko Schäuble 6tets“ zu spielen. Nach dem Soundcheck und endlosem Warten, dann um Punkt 20:00 Uhr unser erstes Stück: „Mr. Day“ von John Coltrane. Offensichtlich gelingt es uns, die versammelte Anspannung in Energie zu verwandeln. Auf jeden Fall geht es vom ersten Ton an ganz schön ab. Als Alterspräsident fällt mir die Aufgabe zu, die Band anzusagen. Was ich gleich nutze, um für vollständige Verwirrung zu sorgen. Der Trompeter Ferdinand Schwarz wird zum Posaunisten deklariert, während ich den eigentlichen Posaunisten, Friedrich Falkenhagen, vorzustellen vergesse. Der Schlagzeuger Jannis Vernier wird spontan umgetauft und erhält den schönen Namen Florian. Dass ich es ebenfalls verabsäumt habe unsere Flötistin Nicole Goedereis vorzustellen, fällt mir erst auf, als sie die Bühne verlässt. Tja, so was passiert, wenn man dicken alten Männern mit ADS die Moderation überträgt. Erstaunlich nur, dass nachher viele Zuhörer meine verwirrte Conférence ganz charmant fanden.

Mit „Footprints“ von Wayne Shorter gelingt es uns, die Ausdrucksintensität noch einmal zu steigern um dann mit dem finalen „Otra“, einer rhythmisch höchst komplexen Komposition des Trompeters Tom Harrell, so richtig zu explodieren. Es ist gar nicht so einfach zu benennen, was dabei auf der Bühne passiert. Vielleicht lässt es sich am ehesten als ein gemeinsamer Puls beschreiben, der von allen als intensives Glücksgefühl erlebt wird. Jazz ist im gelingenden Fall eine Form der Kommunikation, bei der die musikalische Identität jedes einzelnen Instrumentalisten mit der jedes anderen verschmilzt und in der Musik ein Gemeinsames hervor bringt, das das Individuum übersteigt. Wir jedenfalls haben für den gesamten Rest des Abends ein beseeltes Funkeln in den Augen und für mich ist eines schon jetzt ganz klar: im kommenden Jahr bin ich beim 23. Internationalen Jazzworkshop wieder mit dabei.

Stefan Herkenrath